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HINTERGRUND

Kirgisien

Der Dokumentarfilm "Wo der Himmel die Erde berührt" führt in atemberaubende Landschaften. Regisseur und Kameramann Frank Müller lebte dort ein halbes Jahr mit seinem kleinen Filmteam in 3000 Meter Höhe, begleitete die Nomaden und ihre Herden, gewann ihr Vertrauen.

Kirgisische Steppelandschaft

Steppenlandschaft auf 3000 m Höhe - Kirgisien.

Nach Abschluss der Dreharbeiten wurde er wie ein Sohn verabschiedet. Es gelang ihm, den harten Alltag der vom Untergang bedrohten kirgisischen Nomadenkultur zu schildern und gleichzeitig auf Probleme hinzuweisen, die durch die unaufhaltsame Anpassung an die moderne Welt entstehen. Da sind die Nomaden, die seit vielen Generationen im Einklang mit der Natur leben und bewusst ihre Traditionen pflegen. Ein Kulturerbe, das sich besonders im 1000 Jahre alten kirgisischen Heldenepos "Manas" manifestiert, einem Werk, das fast ausschließlich durch mündliche Oberlieferung von Generation zu Generation weiter gegeben wurde. Teile der heute vom Vergessen bedrohten Dichtung werden im Film von einem der letzen Menschen, die das Epos noch in großen Teilen kennen, im Sprechgesang vorgetragen. In dieser Sage hören wir den Flug des Vogels in der Höhe, der schon lange davongeflogen ist, das Getrappel der Pferde, das längst verhallte, die Rufe der Helden, die sich im Zweikampf maßen, das Weinen um die Gefallenen und das Siegesgeschrei", so beschreibt der international bekannte kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow das in ganz Mittelasien bekannte mythologische Werk.

Und da ist die moderne Technologie - repräsentiert durch ein kanadisches Bergbau-Unternehmen, das massiven Goldabbau im Hochgebirge betreibt. Für das Land eine notwendige Einnahmequelle - zwei Drittel des Gewinnes bleiben im Land - für die Natur eine Katastrophe. Die Diskrepanz zwischen dem natürlichen Leben der Nomaden und dem rücksichtslosen Einsatz modernster Technologie ist auch exemplarisch für die aktuelle wirtschaftliche, soziale und politische Wirklichkeit Kirgisiens, in der die demokratischen Ansätze zunehmend gefährdet scheinen. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erklärte die Republik 1991 ihre Unabhängigkeit und Staatspräsident Askar Akajew setzte von Anfang an auf Reformen. Das Land galt bald als Vorbild für ganz Zentralasien. 1998 wurde Kirgisien trotz der inzwischen angespannten wirtschaftlichen Lage in die Welthandelsorganisation WTO aufgenommen. Heute leben nach Schätzungen der UNO über 55 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Präsident Akajew reagiert auf die problematische Situation mit zunehmend autoritärem Führungsstil, der im In- und Ausland kritisch kommentiert wird. Die Medien, nicht konforme gesellschaftliche Gruppierungen und die Opposition gerieten nach der Parlamentswahl im Frühjahr 2000 immer stärker unter Druck. Drogenhandel, Schattenwirtschaft, ethnische Konflikte und religiöser Fundamentalismus bedrohen zusätzlich die innenpolitische Stabilität. Das Konzept einer neuen "Diplomatie der Seidenstraße", das Akajew noch im vergangenen Jahr bei seinem Deutschlandbesuch präsentierte, wird immer fragwürdiger. Ein führender außenpolitische Denker der USA, Zbigniew Brzezinsky, früher Sicherheitsberater in der Carter-Administration, spricht inzwischen offen von der Gefahr eines "Zweiten Balkans" in Mittelasien. N. G.

© Copyright mit freundlicher Genehmigung Arte TV.
Quelle: Arte TV Magazin August 2000, S. 10.

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Buchtipp

Tschingis Aitmatow: Dshamilja.
8°. 95 S. Pp. Unionsverlag, Zürich.

In diesem Werk berührt der fremde Schauplatz Kirgisien, die heimatver-
bundenen, clan-bezogenen, hart arbeitenden Leute, die wortlose Entwicklung der Liebe zwischen einem Außenseiter und Dshamilja.

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