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SITUATION IN ÄGYPTEN IM WINTER 2000

Kalter Friede im Land der Pharaonen

Wie reagiert Ägypten auf den fast erlahmten Nahost-Friedensprozess? - Ein Bericht über die Situation in Kairo im Winter 2000.

Freitagsdemonstration vor der al-Azhar Moschee (Kairo Oktober 2000)

Freitagsdemonstration vor der al-Azhar Moschee (Kairo Oktober 2000).

Die "Mutter der Männer", ein weißhaariger Mann um die fünfzig zieht die Menge in seinen Bann. Von Sympathisanten geschultert, doziert er mit unaufgeregter Sachlichkeit, worüber in weiten Teilen der Bevölkerung genauso Einigkeit besteht, wie unter all jenen, die sich vor der Al-Azhar-Mosche in Kairo eingefunden haben: Palästinensisches Leid braucht Solidarität. Solche Appelle sind als Teil politischer Folklore zwar nichts neues, in ihrer Kombination mit Feindbildern aber durchaus bedenklich.

Das letzte Freitagsgebet vor dem arabischen Gipfeltreffen in Kairo ist kaum vorüber, und schon drängen sie heraus, die "aufgewühlten Massen", die mangels Transparenten mit bloßen Händen in der Luft fuchteln. Der "fanatische Mob", das Lieblingsmotiv westlicher Kameras, stößt auf ein doppeltes Empfangskomitee. Zunächst die Brüder und Schwestern im Geiste, welche wie sie lautstark Anklage gegen Israel erheben, zugleich aber das Freitagsgebet selbst für ein eher verzichtbares Ritual halten. Schwarz und martialisch gemantelt dann die Garde von Sicherheitskräften, welche die Zahl von 200 Demonstranten schon deshalb leicht in Zaum hält, weil sie zahlenmäßig um mehr als das Doppelte überlegen ist. Außerhalb des menschlichen Halbkreises, der das Portal der Moschee umschließt, dann die üblichen Kiebitze, die dabei gewesen sein wollen, ohne dabei zu sein, daran aber von zivilen Sicherheitskräften häufig ziemlich unsanft gehindert werden. Und hundert Meter weiter, in den Gassen und Winkeln, Teehäusern und Kaffeebrennereien, was tut sich da? Die größte Unruhe verbreiten die Stürme in den bauchigen Gläsern der Wasserpfeifen, an denen zwar immer dann heftiger gezogen wird, wenn Bilder aus der Nachbarregion über den Bildschirm flimmern. Ansonsten aber läuft alles, wie es schon immer lief, es wird Tee getrunken, Falafel frittiert und Kaffee gemahlen.

Kaffeehaus in Heliopolis (Kairo Oktober 2000)

Kaffeehaus im Stadtteil Heliopolis (Kairo Oktober 2000).

Ägypten ist wieder Zentrum einer Welt, von der es wegen seines Seperatfriedens mit Israel vor 23 Jahren lange Zeit ausgeschlossen war. Das von Clinton initiierte Treffen zwischen Arafat und Barak in Scharm al-Schaych und das Stelldichein arabischer Staatsoberhäupter in Kairo verdeutlichen genauso wie die Besuchsreihenfolge der Nahostreise Schröders die Bedeutung Ägyptens für die als Friedensprozess fehlinterpretierte Folge teilimplementierter und nichteingehaltener Abmachungen seit Oslo. Doch wesentliches hat sich geändert seit Ägypten unter Nasser letztmals Nabel der arabischen Welt war. Als autoritärer Herrscher mit Interesse am Machterhalt, als moderate Stimme des arabischen Gipfels aber auch als privilegierter Empfänger US-amerikanischer Finanzhilfen und Friedenspartner Israels ist Ägypten unter Mubarak mehr ein gratwandernder Makler des politisch-ideologischen Ausgleichs, denn Speerspitze eines neuen lautsprecherischen Panarabismus. Gleichwohl bleiben gesamtarabische oder islamische Sentiments nicht unbedient.

Militär und Moderne (Kairo Oktober 2000)

Militär und Moderne vor der al-Azhar-Moschee. (Kairo Oktober 2000).

In dem unlängst produzierten Videoclip des populären ägyptischen Sängers Hani Schaker werden die Bilder des Todes von Mohammad al-Durra, der in den Armen seines Vaters dem israelisch-palästinensischen Kugelhagel erliegt, überblendet von Bildern der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Der Text dazu soll klar machen, wem Al-Quds, Jerusalem, auf keinen Fall gehört: Den Israelis. In die gleiche Richtung gehen viele Songs und Musikvideos zeitgenössischer Musiker des arabischen Raums und so läuft auch ein ähnliches Lied der libanesischen Diva Fayruz, was das Celluloid hergibt. Schauspieler und Literaten, Fußballer, Studenten, und Bawabs, die allgegenwärtigen Hausmeister Kairos, alle sind sie involviert in eine mediale Großoffensive, deren Konsens darin besteht: Israelis ermorden Kinder. Nur zur Erinnerung. Mit der selben Klarheit, wie Ägypter, Araber, Muslime heute zu wissen meinen, wer, warum schlecht ist, wussten Deutsche, Europäer, "der Westen" vor knapp zehn Jahren, dass Saddam Husayn - in beliebter Gleichsetzung von Volk und Despot - kuwaitische Frühgeborene aus Brutkästen reißt. Und auch jene in Deutschland, die wissen, dass der Fehler bei den Palästinensern liegt, führen Kinder als Argument ins Feld, weil diese ja angeblich absichtlich in den Tod geschickt werden. Nach dem Motto: Welcher Mensch muslimischen Glaubens hat nicht lieber einen Märtyrer im Himmel, als einen Sohn im Haus. Stereotypen und Vereinfachungen sind immer dann gefragt wenn´s kompliziert wird, um Recht und Unrecht oder sogar um die Rechtfertigung eines Krieges geht.

Nicht nur der mittlerweile völlig eskalierte Konflikt um eine palästinensische Staatswerdung stimuliert die Gefühle der arabischen Staatengemeinschaft. So gingen bereits im letzten Jahr Studenten der Amerikanischen Universität in Kairo auf die Straße, um für die Aufhebung der Sanktionen gegen den Irak zu protestieren.

Sicherheitskräfte vor der al-Azhar Moschee (Kairo Oktober 2000)

Sicherheitskräfte vor der al-Azhar Moschee (Kairo Oktober 2000).

Nachdem andere arabische Staaten vorlegten und Hilfsflüge ins Not leidende Brudervolk entstanden, reihte sich dann auch Ägypten, Volkes Stimme gehorchend, in die Reihe der Boykottbrecher ein. Dass Mubaraks Ägypten nie an der Spitze solch plaktativer Aktionen steht, verwundert nicht. Nach Israel ist Ägypten mit zwei Milliarden Dollar jährlich zweitgrößter Empfänger amerikanischer Auslandshilfe. Die emminente Bedeutung Ägyptens für die strategischen Interessen der USA in der Region zeigt sich auch daran, dass in Kairo inzwischen die weltweit größte US-Botschaft steht. Ein zweifelhafter Ruhm, bedenkt man die Vorgänger Teheran und Saigon. Der Druck der Straße und der mediale, staatlich verordnete Populismus folgen unterschiedlichen Logiken. Die neue Eskalation des Nahostkonfliktes reiht sich für viele Ägypter ein in eine Kette geheimer Absprachen und Verschwörungen gegen die arabische Welt. In einen solchen antiarabischen Rahmen wird dann nicht nur die angeblich israelfreundliche Berichterstattung westlicher Medien, allen voran des amerikanischen Senders CNN, sondern auch das Irak-Embargo, gestellt. Wenn aber Präsident Mubarak verletzten palästinensischen Kindern, die in Kairo behandelt werden, öffentlichkeitswirksam die Wange drückt, dann gehorcht er einen anderen Notwendigkeit. In einem altbekannten Reflex nahöstlichen Machterhalts wird die mangelnde Legitimität politischer Herrschaft, mit panarabischer Pose zu kompensieren versucht. Saddam Hussain geht dabei sogar soweit, "Blutgelder" für verletzte oder getötete Palästinenser an einen Fonds zu zahlen. Mubarak kann und will so weit nicht gehen. Er muss die öffentliche Meinung berücksichtigen, ohne seine US-amerikanischen und israelischen Partner ernsthaft zu erschrecken. Wie schmal der Grat ist, zeigte sich schon nach dem Gipfel in Kairo. Selbst der israelische Premier Barak wusste danach nicht, ob er den gastgebenden Mubarak für seine Haltung im Kreise arabischer Führer danken oder kritisieren sollte. Er tat dann beides. Noch deutlicher wird Mubaraks Drahtseilakt, wenn er einerseits den ägyptischen Botschafter aus Israel abzieht, zugleich aber die diplomatischen Beziehungen, wie von der palästinensischen Führung gefordert, nicht generell abzubrechen bereit ist.

Der ägyptische Friede mit Israel war immer schon ein kalter. Dass das Thermometer mittlerweile auf Eiseskälte gesunken ist, sollte nicht nur im Nahen Osten Angst vor weiteren Minusgraden machen. Doch die Vermeidung einer sechsten arabisch-israelische Konfrontation oder zumindest die erfolgreiche Wiederaufnahme des Osloprozesses bedarf eines Wandels politischer Kultur in der Region. Ägypten könnte dabei, auf Grund seiner wiedererlangten exponierten Stellung im arabischen Staatensystem, eine Vorreiterrolle einnehmen. Doch schon die Parlamentswahlen, in denen die oppositionellen Muslimbrüder weitgehend mundtot gemacht wurden und Mubaraks nationaldemokratische Partei wieder einen haushohen Sieg errang, machen ein Ende des Autoritarismus wenig wahrscheinlich. Nicht nur auf arabischer Seite spiegeln Feindbilder die Unfähigkeit zu rationaler Politik. In Israel ist es weniger die mangelnde Legitimität von Herrschaft, als die gesellschaftliche Fragmentierung, die regelmäßig im Ringen um parlamentarische Mehrheiten sichtbar wird. Eine starke Regierung indes, die bereit wäre, sich der abnehmenden gesellschaftlichen Bindungskraft des überholten zionistischen Staatskonzeptes zu stellen, ist nicht in Sicht. Solange die Bereitschaft nicht vorhanden ist, den friedensverhindernden Auswirkungen der Fakten schaffenden Politik von Landnahme und Siedlungsbau beizukommen, werden Feindbilder wohl auch noch weiterhin zum politischen Instrumentarium in der Region gehören. Letztendlich steht auch eine glaubwürdige Vermittlerrolle der USA oder Europas, die den vorherrschenden Wahrnehmungsmustern und Ideologien auf arabischer und israelischer Seite die Grundlage entzieht, nicht zu erwarten. Dazu müssten westliche Gesellschaften nämlich ohne islamistische Bedrohungsszenarien und Antisemitismus auskommen. Bis es so weit ist, wird in Ägypten weiter Tee getrunken und ein ganz unaufgereter Pessimismus gepflegt. Aber vielleicht passt ja ein Kamel durch ein Nadelöhr, wenn schon die "Mutter der Männer" ein Mann sein kann.

Klaus Hummel

Informationen, Reise- und Buchtipps zur arabischen Welt von Magreb über Maschreq bis an den Persischen Golf
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Wil und Sigrid Tondok: Ägypten individuell. 8°. 608 S., 75 Landkarten und Pläne, 30 sw- und 16 Farbfotoseiten, Glossar, Kleiner Sprachführer. OKart.
13., erw. u. aktualis. Aufl. Reise Know-How, München Okt. 1999.

Der Reiseführer, mit dem wir selbst mehrfach Ägypten bereist und sehr gute Erfahrungen gemacht haben bietet Unterstützung von morgens bis abends im täglichen Reiseleben.

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