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Dossier «Islamismus»

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GLAUBENSWEGE

Islam zwischen Politik und Alltag

Spätestens seit dem 11. September gibt es in Europa ein spürbares Unbehagen gegenüber dem Islam. Das Gefühl, dass der Islam "irgendwie" eine fanatische Religion sei. Obwohl es Unsinn ist, Osama bin Laden gleichzusetzen mit der Religion, auf die er sich beruft. Denn mit dem Islam, der im Koran offenbarten Heiligen Schrift, hat er ähnlich viel gemein wie die Kreuzfahrer mit der Bergpredigt - oder wie einst die Inquisition in Spanien mit katholischer Theologie.

Thunyan Palast, Najd, Saudi Arabien

Thunyan Palast, Najd, Saudi-Arabien.

Ohnehin gibt es "den" Islam ebenso wenig wie "das" Christentum. Es ist deshalb sinnvoll, die folgenden Strömungen zu unterscheiden:
Die islamische Orthodoxie, wie sie insbesondere durch die Al-Azhar-Universität in Kairo verkörpert wird, die höchste Autorität im sunnitischen Islam.
Den Volks-Islam mit seiner religiösen Mystik und Heiligenverehrung, seinen Wanderpredigern und Wahrsagern (Sufismus).
Den traditionalistischen Islam, dem die große Mehrheit der 1,3 Milliarden Muslime im weiten Raum zwischen Marokko und Indonesien, Schwarzafrika und Zentralasien anhängt. Also jener Islam, wie er seit alten Zeiten von seinen Bekennern gelebt worden ist. Gelebt und interpretiert von Theologen, Rechtsgelehrten, von Philosophen und Wissenschaftlern, von Künstlern und Dichtern. Recht und Kultur, soziale Strukturen, das Werteempfinden, allgemein die Weltanschauung, sind zutiefst von diesem traditionalistischen religiösen Verständnis beeinflusst.
Und schließlich der islamische Fundamentalismus, auch Islamismus oder politischer Islam genannt. Er ist eine späte Sonderentwicklung der islamischen Religion, der es um die Erringung von Macht und ihre Ausübung auf der Grundlage des islamischen Gesetzes geht. Religiöse Glaubensinhalte werden dabei politisch instrumentalisiert und massenwirksam eingesetzt. Fundamentalismus ist kein Phänomen der islamischen Welt allein, es gibt ihn in allen Religionen. In erster Linie bedeutet Fundamentalismus eine Verteidigung patriarchaler Autorität in Wirtschaft, Politik und vor allem in der Familie. Fragen der Stellung der Frau und der Moral stehen demzufolge im Zentrum fundamentalistischer Forderungen und Diskussionen.

Der Dorfschullehrer Hassan al-Banna (1906-1949) gilt als der erste namhafte Ideologe des islamischen Fundamentalismus. 1928 gründete er in Ägypten die Muslimbruderschaft, die bis heute in zahlreichen arabischen Ländern aktiv ist. Ideologisch und organisatorisch ist der Werdegang der Muslimbrüder charakteristisch für die meisten islamistischen Bewegungen in der Gegenwart. Entstanden aus Protest, als radikale und gleichzeitig karitativ tätige Massenbewegung erfolgreich und eine Gefahr für die Machthaber, dann verboten und schließlich erneut zugelassen, nunmehr gewandelt und eine gemäßigte Opposition, der islamische Staat eine ferne Utopie. Hassan al-Banna ist der Begründer des politischen Islam, und seine Lehre, so dürftig sie ist, prägt bis heute das Weltbild der meisten islamischen Fundamentalisten, auch wenn sie sich in der Regel nicht auf ihn berufen, sondern auf nachfolgende Vordenker oder schlichtweg "den Koran".

Hassan al-Banna war überzeugt, dass der Islam eine Lebensordnung sei, einzigartig und unvergleichlich, weil von Gott selber enthüllt. Der wahre Gehalt des Islam könne nur durch Gottes Verkündung selbst, durch den Koran und die Worte des Propheten erschlossen werden. Theologie lehnen die Fundamentalisten ab, weil Theologie bedeutet, Religion zu deuten, zu interpretieren. Ein islamistischer Führer aber, angefangen mit al-Banna, wird argumentieren, dass die religiösen Texte wortwörtlich zu verstehen sind sollten dennoch Fragen offen bleiben, gibt der jeweilige Führer gerne Auskunft. Das hat für ihn den Vorteil, seine Macht und Autorität gegenüber den eigenen Anhängern zu festigen. Das politische Hauptanliegen von al-Banna und seinesgleichen liegt in der Befreiung der islamischen Welt vom Westen und seinem Einfluss. Damals in Ägypten ging es um den Kampf gegen die britischen Kolonialherren, heute ist Amerika der Islam Feind Nummer eins, Amerika und sein nahöstlicher Verbündeter Israel.

Omayyaden Moschee, Damaskus, Syrien

Omayyaden Moschee, Damaskus, Syrien.

Das bedeutet, nach außen konsequent den Befreiungskampf fortzuführen und nach innen die Gesellschaft zu "islamisieren", angefangen mit der entsprechenden Kleidungsverordnung:0 Vollbart für die Männer, Kopftuch oder Schleier für die Frauen. Das Endziel ist die Errichtung eines islamischen Staates, von einem Kalifen regiert. (Nichts anderes will Osama bin Laden, er sieht sich als Kalif der Muslime.) Dieser Staat würde das islamische Gesetz befolgen, die Scharia, konsequent missionieren und einen Kampf, notfalls auch mit Waffen, für die Gerechtigkeit und das gemeinsame Erbe der Menschheit führen.

Soweit die Theorie, die wie alle "-ismen" totalitäre Züge trägt. In der Praxis sind die meisten islamistischen Bewegungen pragmatisch bis zur Selbstverleugnung und passen sich ihrem gesellschaftlichen Umfeld an, falls sie nicht im Untergrund wirken oder, aus ihrer Sicht, Widerstand gegen Ungerechtigkeit leisten. Doch je mehr sich die arabisch-islamischen Gesellschaften modernisieren, um so geringer wird die Anziehungskraft rückwärts gewandter Utopien, die sich auf die vermeintliche Lebensführung des Propheten Mohammed und das siebte Jahrhundert berufen. Wo die Modernisierung am wenigsten fortgeschritten ist, wie in Afghanistan, oder von religiösem Rigorismus überlagert wird, wie in Saudi-Arabien, finden sie ihren größten Rückhalt.

Der islamische Fundamentalismus ist kein Modell zur Überwindung der gesellschaftlichen und politischen Krisen der islamischen Welt, er ist, ganz im Gegenteil, ein Krisensymptom, ein ideologisches und identitätsstiftendes Modell für sozial Deklassierte. Nicht zu vergessen allerdings eine bedeutsame Minderheit aus "frustrierten" Angehörigen der Mittel- und Oberschichten. In den Führungspositionen islamistischer Bewegungen finden sich generell viele Hochschulabsolventen, vor allem dann, wenn sie für sich persönlich keine Karrieremöglichkeiten im Umfeld der jeweils herrschenden Oligarchie sehen.

Der Islamismus ist mithin Ausdruck einer Identitätssuche. Ausgehend von ihrem Unbehagen an der Moderne, abgesehen von technischen Errungenschaften wie Computer oder Internet, flüchten islamische Fundamentalisten in eine idealisierte Vergangenheit, die als menschlich vollkommen angesehene Frühzeit des Islam - als der Prophet Mohammed mit nur wenigen Getreuen auszog, ein Weltreich zu begründen. Islamisten glauben, dass die Befolgung ritueller Gebote, etwa das fünfmalige Beten am Tag, eine moralische Läuterung des Einzelnen wie der Gesellschaft zur Folge habe. Die ihrerseits Voraussetzung ist, um in der Weit wieder führend zu sein - wie in der goldenen Zeit des Mittelalters, als die Araber die Wissenschaft beherrschten und die Europäer von ihnen lernten. Aus der Sicht von Islamisten ist der Westen politisch und kulturell dominant, weil die Muslime weltlichen Versuchungen erlegen sind und die Reinheit ihres Glaubens längst nicht mehr leben. Aus diesem Grund konnten die Ungläubigen das zur Hure Babylon verkommene "Haus des Islam" schwächen und nach ihren Vorstellungen unterwerfen.

Minarett, Kuwait City

Minarett, Kuwait City.

Der Islamismus wäre nicht denkbar ohne seine Mobilisierung zunächst gegen den Kolonialismus, dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, gegen die Vorherrschaft Amerikas im Nahen und Mittleren Osten, vor allem die vorbehaltlose Unterstützung Washingtons und der westlichen Welt für Israel. Nach der Gründung des jüdischen Staates, 1948, aus arabisch-islamischer Sicht eine "Katastrophe", ein Sieg des Neokolonialismus über das arabische Streben nach Unabhängigkeit, bündelte zunächst eine andere Ideologie die Emotionen der Straße, nämlich der arabische Nationalismus. Unter Führung des charismatischen ägyptischen Gamal Abdel Nasser (1952-1970) sollte der Weg zur Befreiung Palästinas über die arabischen Hauptstädte führen, über die Einheit der Araber im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Die vernichtende arabische Niederlage im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel diskreditierte den arabischen Nationalismus. Er war nicht länger glaubwürdig. Das Vakuum wurde schnell gefüllt. Die Machtübernahme Khomeinis im Iran 1979 verhalf dem Islamismus in der gesamten arabisch-islamischen Welt endgültig zum Durchbruch. "Der Islam ist die Lösung", so lautete nun die griffige ideologische Formel.

Der Aufstieg der Islamisten wäre mit Sicherheit nicht so erfolgreich gewesen, wenn die Staaten der arabisch-islamischen Welt Demokratien wären. Da es, von Ausnahmen abgesehen, keine Pressefreiheit und keine unabhängigen Parteien gibt, die Zivilgesellschaft überdies schwach entwickelt ist, können die islamistischen Bewegungen weitgehend ungestört agitieren. Eine westlichmoderne, liberal-reformistische Gegenöffentlichkeit besteht nur in Ansätzen und sieht sich gleichermaßen im Visier der Geheimdienste wie auch der Islamisten. Weiten Teilen der Bevölkerung bleiben allein die Moscheen als Ventil, um ihrem Unmut über die Machthaber und ihre Lebensverhältnisse Ausdruck zu verleihen. Die Islamisten ihrerseits sind beliebt, weil sie nicht nur reden, sondern auch handeln. Vor allem bieten sie soziale Dienstleistungen, versorgen sie kostenlos die Alten, Kranken, Arbeitslosen und Schwachen. Sie ersetzen damit die völlig unzureichende, in der Regel gar nicht erst vorhandene staatliche Fürsorge.

In der zweiten Hälfte der 90er kam es zu einer entscheidenden Zäsur. Als Massenbewegung geriet der Islamismus in die Defensive, aber in seiner Dschihad-Variante, verkörpert von Osama bin Laden, steigerte er noch seine Todesbereitschaft, sich selber und anderen gegenüber, bis hin zu den verheerenden Anschlägen vom 11. September. Der Dschihad-Islam ist eine Art letztes Aufgebot, denn dem Islamismus insgesamt wurde gerade sein Hang zu Terror und Gewalt längst zum Verhängnis. Nirgendwo ist die Abkehr von radikaler Politik sichtbarer als in der Hochburg der islamischen Revolution selbst, in der Islamischen Republik Iran. Seit seinem Wahlsieg 1997 regiert Reformpräsident Khatami gegen die bisherige Mehrheit konservativer Kleriker im Parlament und ihren großen Einfluss. Bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2001 erhielt Khatami erneut mehr als zwei Drittel der abgegebenen Stimmen. Vor allem die Jugend (mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 20), die Frauen und die Intellektuellen wenden sich gegen eine Revolutionstheologie, die nicht müde wird, sie zu bevormunden.

Ob der Dschihad-Islam nach der Niederlage der Taliban und der wahrscheinlichen Flucht Osama bin Ladens aus Afghanistan endgültig am Ende ist, wird sich erst noch zeigen. Westliche Politik ist gut beraten, die islamische Welt nicht allein als strategische Verfügungsmasse zu behandeln, so wie bisher, sondern den politischen und den kulturellen Dialog "in Augenhöhe" zu suchen. Es wäre eine der Voraussetzungen, um dem Dschihad-Islam den gesellschaftlichen Nährboden zu entziehen, ihn zu isolieren, auszugrenzen und somit zu besiegen. Mit militärischen Einsätzen allein ist es nicht getan.

Dr. Michael Lüders ist Islamexperte, Autor und Politikberater. Er schreibt u.a. für "DIE ZEIT". Sein neues Buch ist im Arche-Verlag erschienen.

© Copyright mit freundlicher Genehmigung Arte TV.
Quelle: Arte TV Magazin Januar 2002, S. 6f.

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Michael Lüders, gefragter Nahost-Experte in den Medien, gehört zu einer neuen Generation von Islamwissen-
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