| Roman und Biographie - Beides zugleich ist dieses wunderbare Buch von Selim Nassib über Umm Kalsum, die Stimme Ägyptens, die eine ganze Musikergeneration in der Region prägte.
Nassib erzählt ihre Geschichte aus der Perspektive ihre Lieblingspoeten Ahmad Rami (gestorben 1981), der knapp die Hälfte aller von Kalsum interpretierten Lieder schrieb. Beginnend mit Kalsum's ersten Auftritten - die sie, aufgrund der damaligen soziokulturellen Hintergründe und um die Familienehre nicht zu belasten, noch als Junge verkleidet - absolvierte und dem Kennenlernen von Rami, ihr Dichter, der verbrennt um ihr den Weg zu leuchten (S. 115) schildert Nassib in einer eindringlichen Sprache den Aufstieg zur "Stimme Ägyptens", bis hin zum "Stern des Orients", der sich schließlich in den Dienst der Revolution Nasser's stellt. Dabei verherrlicht er nicht die Position Kalsums im Nahen Osten, sondern hält vielmehr der
ägyptischen Gesellschaft insbesondere der fünfziger und sechziger Jahre, einen Spiegel vor, zeigt nicht nur Licht, sondern beleuchtet auch die Schatten. Aber die beständige Betonung ihrer Herkunft aus einer einfachen Beduinenfamilie durch Attribute wie "kleine Dörflerin" oder "meine Beduinin" (S. 55) wirkt sich dabei doch störend auf den Lesefluss aus. Um auch die Musik Kalsums dem Lesern zu erschließen hätte ich mir eine kurze Diskographie mit den wichtigsten, im deutschsprachigen Raum erhältlichen, Titeln gewünscht. Alles in allem aber ein gelungener Roman, dessen Sprache den Leser nicht nur in seinen Bann zieht, sondern ihn direkt an der Atmosphäre in den ägyptischen Konzertsäle in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts teilhaben lässt. Selim Nassib: Stern des Orients.
Aus dem Französischen von Hans Thill.
Kl. 8°. 252 S., Pp. Unionsverlag, Zürich 1999. |