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Dossier «Islamismus»

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Albrecht Metzger: Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie

Welche Ziele verfolgen die Islamisten? Terrorakte islamistischer Fundamentalisten erschrecken immer wieder die westliche Welt. Doch müssen wir wirklich vor "Allahs Kriegern" (Focus) zittern?

 Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie

Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie.

Albrecht Metzger hat mehrmals fünf Länder im Nahen Osten besucht und rund 70 Interviews geführt: mit Islamisten und ihren Kritikern. Für ihn ist der Islamismus eine politische Bewegung, die keineswegs mehrheitlich aus extrem gewaltbereiten Gruppierungen besteht. Bis auf wenige Ausnahmen - Iran, Sudan, Afghanistan - sei es ihnen nicht gelungen, sich an die Macht zu putschen und ob diese sich an der Macht halten können ist, wie der überwältigende Zuspruch zum Reformkurs Muhammad Khatami's in Iran, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Dennoch haben sie es geschafft, in Ländern wie Ägypten und Algerien die kulturelle Oberhand zu gewinnen. Die Vorstellung, der Islam greife nach der Weltherrschaft und bedrohe unsere westlich-säkulare Zivilisation, ist ein in den Medien häufig wiederkehrendes Motiv. Schlagzeilen wie "ISLAM, Fundamentalisten - GEFAHR für uns alle?" (Gala) oder "Islamisten auf dem Weg nach Europa - Zittern vor Allahs Kriegern" (Focus) sind keine Seltenheit. Genährt werden diese Ängste nicht nur durch den verbalen Radikalismus islamischer Fundamentalisten, sondern durch zahlreiche Terrorakte: angefangen von der 444-tägigen Besetzung der US-Botschaft im Iran 1980 über den grausamen Terrorkrieg der Islamisten gegen die Zivilbevölkerung in Algerien, der seit 1992 an die 60.000 Tote gefordert hat, bis zum Doppelanschlag auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998, bei dem 257 Menschen ihr Leben verloren und den verheerenden Attentaten auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001; verantwortlich dafür soll ein gewisser Ussama Bin Laden sein.

Albrecht Metzger hält es trotz allem für falsch, den islamischen Fundamentalismus auf seine terroristischen Komponenten zu reduzieren. Der Islamismus ist keineswegs eine einheitliche Bewegung, die sich über Ländergrenzen hinweg gleichmäßig entfaltet. Er ist eine moderne, zugleich konservative politische Bewegung, die auf Fortschritt setzt. Fortschritt steht für Stärke, und Stärke bedeutet Unabhängigkeit von dem Willen fremder Mächte. "Der Islam steht im Dienste der Menschen", so der jordanische Muslimbruder Bassam Ammoush. "Er sagt nicht: 'Wartet auf den Himmel und vergesst das Leben hier.' Der Himmel ist für Gott, dieser Staat ist für uns, und wenn wir ihn nicht mögen, dann müssen wir ihn verändern." Abdallah Akwa, Mitglied der Jeminitischen Partei für Reform: "Eines unseres Ziele ist es, die Gesellschaft auf ein modernes Niveau zu heben. Wir glauben aber nicht, dass ein Leben im High-Tech-Zeitalter notwendigerweise auch Nachtclubs und sexuelle Freiheiten mit sich bringen muss. Wir glauben, dass fehlendes Vertrauen in die Familie einer Gesellschaft schadet. Ich habe sogar Freunde in Deutschland, die sagen, es gibt bei uns zu viele Freiheiten. Ich möchte eine saubere Gesellschaft haben."

Unabhängigkeit, vor allem von westlicher Dominanz, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Einheit, eine Gesellschaft ohne Laster und Korruption - das sind stichwortartig die Ziele, die die Islamisten verfolgen, und zwar in Ländern, in denen durchweg ein eklatantes Demokratiedefizit herrscht. Die Islamisten stellen dort die wichtigste Oppositionsbewegung dar.

Die fünf Länderstudien Metzgers zeigen, dass sich die Islamisten durchaus am politisch Machbaren orientieren. Dieser Pragmatismus kommt auch in ihrem Verhältnis zu außerislamischen Gesellschaften zum Tragen. Denn anders, als man erwarten sollte, sind viele von ihnen an einem Dialog mit dem Westen interessiert. An einen Krieg der Zivilisationen zwischen dem Islam und dem Westen glauben nur wenige. Trotz aller Attacken gegen westliche Arroganz und Dekadenz halten die meisten Islamisten die europäischen und amerikanischen Demokratien für durchaus gerechte Systeme. Was die Islamisten dem Westen jedoch vorwerfen, ist, er praktiziere Demokratie und beachte Menschenrechte nur in seinem eigenen Territorium. Wenn es aber um fremde Länder und Zivilisationen ginge, setze er andere Standards an.

Albrecht Metzger: Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns.
Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie.
8°. 238 S., Pp. Lamuv Vlg., Göttingen 2000.

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Länderlexikon
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Bassam Tibi: Die neue Weltunordnung. Westliche Dominanz und islamischer Fundamen-
talismus.
8°. 440 S., Pp. Ullstein TB-Vlg., Bln. 2001.

Bassam Tibi: Die neue Weltunordnung

Zwei Zivi-
lisationen erheben heute An-
spruch auf Weltgeltung: der Westen und der Islam. Ist der vielbeschworene 'Kampf der Kulturen' unvermeidlich? Der Islam-Experte Bassam Tibi empfiehlt dem Westen eine differenzierte, auf Bedrohung und Bevormundung verzichtende Politik gegenüber der islamischen Welt. Nur so könne der Fundamentalismus zurückgedrängt und ein kulturüber-
greifender Dialog in Gang gesetzt werden. Ein leidenschaftlicher Appell an die Verantwortung des Westens für die Ordnung der Welt.

Bassam Tibi wurde 1944 in Damaskus geboren. Seit 1973 ist er Professor für Internationale Politik in Göttingen; seit 1988 darüber hinaus Research Associate in Harvard. Er ist Mitbegründer der arabischen Organisation für Menschenrechte.

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