| Die Ausstellung zeigt eindringlich, dass dem neutralen Medium der Fotografie nicht eine rein dokumentarische Funktion zukommt, sondern dieses vielmehr statt der realen Wirklichkeit die fiktive des Fotografen darstellt.
Die Ausstellung im Fogg Art Museum Harvard geht der Frage nach wie Fotografen und deren Publikum in der frühen Zeit der Fotografie den Nahen Osten wahrnehmen. Gerade für den damaligen Betrachter sind diese erste "authentische" Zeugnisse, schließlich nährte sich das Bild des europäischen Publikums bisher aus der Religionswissenschaft, Literatur und der Malerei. Doch eben diese dokumentarischen Abbildungen einer anderen Kultur sind auch ein Produkt des Kolonialismus und dienen der Unterstützung der damaligen Geringschätzung der arabisch-islamischen Kultur. Beispielhaft wird dies in den Fotografien von Maxime Du Camp, der 1852 seinen Band "Le Nil, Egypt et Nubie" veröffentlichte, der das Ergebnis seiner gemeinsam mit Gustave Flaubert unternommenen Reise präsentiert. Seine z.T.
menschenleeren Aufnahmen der Monumente zeigen deutlich, dass die Überreste großartiger Kulturen wohl gesehen werden, nicht aber die einheimische Bevölkerung, die intellektuell und materiell veramt im Schatten eben dieser Monumente steht. Mit der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 rückte der Nahe Osten verstärkt in das Zentrum europäischer politischer und ökonomischer Interessen, so dass Du Camp schon rasch eine wahre Heerschar an Fotografen folgt und mit dem gleichzeitig einsetzenden Schiffs- und Eisenbahnbau erlebt die Tourismusbranche einen ersten Höhepunkt. Der Überlegenheitsgestus ändert sich in den hundert Jahren nur sehr wenig. Kommerzielle Fotostudios wie Bonfils, Sébah & Joillar oder Lehnert & Landrock zielen bewusst darauf das "Typische" abzubilden - oder besser
das was sie für typisch halten. Bild um Bild entlarvt Jülide Aker, Kurator der Ausstellung, westliche Sichtweisen und belegt somit eindrucksvoll die von Edward W. Said in seinem Buch "Orientalism" aufgestellt These, dass Europa zwar den Osten als Wiege der Menschheit anerkennt, jedoch gleichzeitig versucht ihn zu beherrschen. - Beeindruckende Dokumente der frühen Fotografie im Zeitalter des Kolonialismus. |