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KRISENHERD NAHER OSTEN

Die Stimme Palästinas

Zum Dokumentarfilm «Live aus Palästina» in Erstaustrahlung bei Arte am 25. Januar 2002 um 22:15 Uhr.

Tempelberg und al-Aksa-Moschee, Jerusalem.

Tempelberg und al-Aksa-Moschee, Jerusalem.

Als Regisseur Rashid Masharawi im Sommer 2001 die offizielle Radiostation der PLO, "Voice of Palestine", besuchte, fand er ein Team von willensstarken und mutigen Radio-Machern vor. In seinem Dokumentarfilm "Live aus Palästina" schildert Masharawi die schwierige Suche der Journalisten nach der Wahrheit ...

Sie sind die offizielle Stimme der palästinensischen Autonomiebehörde. Nur 200 Meter von Arafats Sitz in Ramallah entfernt, begeben sich die Journalisten der "Voice of Palestine" auf die Suche nach der Wahrheit. Der in einem palästinensischen Flüchtlingslager aufgewachsene Regisseur Rashid Masharawi drehte im Sommer 2001, als die "Stimme Palästinas" noch live auf Sendung war, eine beeindruckende Reportage ...

"Ob Sie in Palästina sind oder im Ausland - wir wünschen Ihnen einen guten Abend, ohne Kugeln - ohne Bomben", begrüßt der Moderator der "Stimme Palästinas" seine Hörer. Hier klingt Wehmut mit, hier schimmert Hoffnung durch.

Doch die Ereignisse sind schneller als jeder Gruß, als jede Meldung.

Es ist der 12. Dezember 2001. Schon wieder flimmern Gewaltszenen aus dem Nahen Osten über die Bildschirme. Nach palästinensischen Hamas-Attentaten auf einen israelischen Bus scheinen die Flammen des Krieges zwischen Israel und Palästina erneut entfacht - von "Friedensprozess" zu reden, erscheint nun fast als Hohn. "So schlimm war es noch nie", berichtet Abu Anan, Chefredakteur der "Voice of Palestine". Denn seit dem Morgen des 13. Dezembers ist die Stimme Palästinas" Vergangenheit. Die Sendezentrale wurde von F-16-Kampfflugzeugen zerbombt, die Redaktionsräume und Studios mit Armeepanzern niedergewalzt. "Es ist ein Schaden von mehr als fünf Millionen Dollar entstanden" so Anan. Als der Chefredakteur diese Worte spricht, ist er froh, dass er und sein rund 70-köpfiges Journalistenteam am Leben sind. Noch hat dieser erneute Konflikt unter den Journalisten keine Opfer gekostet - noch nicht. Anan und sein Team scheinen auch in dieser brisanten Situation die Nerven zu behalten. Unglaublich gelassen berichtet Anan von den Anschlägen und unglaublich optimistisch blickt er auch schon wieder nach vorne: "Wir haben eine Kooperation mit verschiedenen anderen palästinensischen Radiosendern aufgebaut. Eine Art Notprogramm".

Festzustellen, wie genau die Lage zwischen Ramallah und Jerusalem nun ist, kommt einer Gratwanderung zwischen Vermutungen und Tatsachen gleich. Für die heimischen Medien, aber auch für die ausländischen Journalisten ist die Wahrheitsfindung in diesen Tagen besonders schwer. "Die meisten westlichen Medien unterstützen die Israelis. Wenn ein Israeli stirbt, weiß es die ganze Weit, wenn fünf Palästinenser sterben, weiß das niemand", sagt Abu Anan. Der Grund ist ganz einfach: Die Israelis sind überall auf der Welt präsent, haben Beziehungen und viel Geld. Gerne würden auch wir der Welt erzählen, was hier passiert - allerdings haben wir einfach nicht die technischen und finanziellen Voraussetzungen dafür".

Trotzdem ist bzw. war die "Stimme Palästinas" im Herzen Ramallahs seit 1994 auf Sendung: unter unvorstellbar schwierigen Bedingungen und mit einem bewundernswerten Enthusiasmus der Programm-Macher. Zum Thema Pressefreiheit spalten sich die Meinungen. Westliche Organisationen wie "Reporter ohne Grenzen" sehen die Entwicklung der Medien in Zusammenhang mit Presse- und Meinungsfreiheit kritisch und befürchten eine Instrumentalisierung der Medien durch die Machthaber.

Seit 1995 garantiert das Pressegesetz zwar das Recht auf freie Meinungsäußerung, doch gibt es zahlreiche Einschränkungen. Regelmäßig werden Journalisten verhaftet und kommen auf geheimnisvolle Weise ums Leben. "Wir können sagen, was wir wollen!", versichert hingegen der Chefredakteur der "Stimme Palästinas". "Wir berichten absolut objektiv, können hier sowohl Palästinenser als auch Israelis kritisieren - so wie es die journalistischen Grundsätze verlangen", unterstreicht Anan.

Als am Morgen des 13. Dezembers 2001 die Bomben fielen, wurde die "Stimme Palästinas" vorerst zum Schweigen gebracht. "Wir wollen Frieden", beteuert Chefredakteur Anan.

Doch es ist Krieg - und sein erstes Opfer ist immer die Wahrheit. S.D.

© Copyright mit freundlicher Genehmigung Arte TV.
Quelle: Arte TV Magazin Januar 2002, S. 8f.

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